Pfarrer
Ralf Janisch
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Ein frohes neues Jahr!
"Wo gehst du hin?" fragt der kleine Junge die Mutter.
Wer in diesen Tagen jemandem auf der Straße oder zu Hause ein frohes neues Jahr wünscht, der wird vermutlich Kopfschütteln und Verwirrung, vielleicht auch ein Schmunzeln ernten. Und doch feiern wir mit dem 1. Advent den Beginn eines neuen Jahres, eines neuen Kirchenjahres.
Was hat es damit auf sich? Dass wir am Anfang der Adventszeit stehen, darauf bereiten uns die Kaufhäuser und Supermärkte seit Monaten und Wochen vor. Aber ein neues Kirchenjahr?
Ist das die Zeitrechung derer, die "hinter dem Mond leben", die nicht wissen, was die Uhr geschlagen hat? Die Formulierung trifft den Kern der Sache. Denn im Kirchenjahr ticken die Uhren anders - aber nicht die der Ewiggestrigen, sondern die der "Zukünftigen", die noch etwas anderes erwarten als den ewigen Trott des Alltags. Oder - um mit dem Bild zu sprechen: In die Dunkelheit dieser Zeit scheint schon ein Licht herein. Und dieses Licht weist uns einen Weg.
Das Kirchenjahr nimmt uns nicht aus der Zeit heraus - der vom Licht beleuchtete Weg ist genauso gepflastert wie der dunkle Bereich - Symbol, dass auch im Kirchenjahr harte Wege zu gehen sind. Doch das Licht lässt uns hoffen: Wenn Gott uns auf steinige Wege schickt, gibt er uns kräftige Schuhe.
Der Schriftsteller Jochen Klepper hat das Kirchenjahr einmal eine der größten Erfindungen der Menschheit genannt - Warum? Macht es die Menschen glücklicher, zufriedener, gesünder, friedlicher oder reicher?
Vielleicht, ja. Denn das Kirchenjahr öffnet uns für das Heilshandeln Gottes. Im Kirchenjahr gibt Gott den Takt vor und wir dürfen uns "seinem Atemrhythmus" anvertrauen. Das ist nicht einfach, gegen den Takt unseres "normalen" Alltags.
Der Advent kann uns den Blick öffnen für eine andere Wirklichkeit. Die Gesetze der Menschen und dieser Welt, der tägliche Trott haben nicht das letzte Wort. Diese Welt und wir Menschen sind Gott nicht egal, er steht unserem Treiben nicht gleichgültig gegenüber.
Gott ist zu Weihnachten Mensch geworden: In einem Kind hat er sich hilflos den Menschen ausgeliefert. Welch große Liebe Gottes zu den Menschen liegt dieser Art seiner Menschwerdung zugrunde.
Und Gott geht noch weiter. Gott möchte zu jeder Zeit bei uns ankommen. Darauf verweist unser Foto, daran erinnert uns das Kirchenjahr, in dem wir Jahr für Jahr neu die Geheimnisse unseres Glaubens, das Heilshandeln Gottes feiern - nicht als etwas Vergangenes, sondern als etwas Gegenwärtiges, weil Gott jeden Tag mit uns leben will. Er schenkt uns seine Zeit.
Am Beginn des neuen Kirchenjahres sind wir eingeladen, uns für Gott auch Zeit zu nehmen: Weihnachten nicht im Advent zu feiern, sich der Passionszeit auszusetzen und Ostern nicht direkt nach Karneval zu begehen; auch die "ereignisärmere" Zeit zwischen den Hochfesten zu ertragen, denn auch sie ist von Gott erfüllte Zeit. Und im nächsten Jahr eben nicht schon im Oktober die Vorweihnachtszeit einzuläuten, denn wir brauchen als Menschen auch den November mit seiner Stille und auch Traurigkeit. Lassen wir uns im neuen Kirchenjahr den Takt von Gott vorgeben, nicht von den Geschäften. Im Kirchenjahr können wir in der rechten Zeit leben. Gott schenkt uns diese Zeit, seine Zeit. Und Zeit haben macht reich. Warten können auch.
Vertrauen wir darauf: Unser Gott ist der Gott der rechten Zeit.
Eine friedvolle, besinnliche Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Ralf Janisch